Was ist eigentlich ein Quartier?

29. Mai 2015 / Moritz von Gliszczynski

Ziel von "Gelingende Kooperationen im Sozialraum" ist es die Zusammenarbeit zwischen den Menschen und Organisationen zu untersuchen, die in einem "Quartier" leben und arbeiten. Aber was ist eigentlich mit dem Wort "Quartier" dabei genau gemeint und warum wird genau dieses - geläufige, aber nicht unbedingt übliche - Wort verwandt, anstatt von "Stadtteil", "Stadtbezirk" oder "Stadtviertel"? Die Frage nach der genauen Bezeichnung für die Untersuchungseinheiten des Projektes kam früh im Forschungsprozess auf und verweist auf ein grundlegendes Problem bei der Fragestellung: Wenn die Kooperation in einem bestimmten Teil einer Stadt untersucht werden soll - erst einmal egal ob als "Stadtbezirk", "Quartier" usw. bezeichnet - muss festgelegt werden, in welchen Grenzen sich dieses Untersuchungsgebiet überhaupt befindet.

Aber auf welche Grenzziehungen kann man dabei zurück greifen? Eine Übersicht über den relevanten Forschungsstand und eigene Recherchen zeigen schnell, dass verschiedene soziale Aktteure unter dem gleichen Namen, bspw. "Hainholz", durchaus verschiedene physische Territorien und Orte verstehen. Dadurch werden auch manche der oben genannten Begriffe besetzt. So sind zum Beispiel "Stadtbezirk" und "Stadtteil" oft Kennzeichnungen für von der Stadtverwaltung abgegrenzte Territorien, anhand derer Verwaltungsaufgaben, so z.B. die Organisation von Wahlen durchgeführt werden und die teilweise auch eigene politische Vertretungen haben. Hannover besteht beispielsweise aus insgesamt 13 Stadtbezirken mit gewählten Bezirksräten, die jeweils wieder in eine unterschiedliche Anzahl kleinere Stadtteile unterteilt sind.

Wie das Beispiel Hainholz zeigt, wäre es aber irreführend sich in der Forschung an diesen administrativen Grenzziehungen zu orientieren. Hainholz ist von der Verwaltung als einer von 4 Stadtteilen im Stadtbezirk Nord definiert und weist in dieser Eigenschaft bestimmte territoriale Grenzen und bestimmte soziale Akteure auf, die sich auf den Stadtteil als ihren Einzugsbereich beziehen. Sich in der Forschung nur auf die Akteure zu beziehen, die sich explizit auf den administrativ definierten Stadtteil beziehen und/ oder dort auch ansässig sind greift aber zu kurz. Erste Recherchen zeigen schnell, dass an Kooperationen im administrativ definierten Stadtteil Hainholz auch Akteure beteiligt sind, die weder dort ansässig sind, noch sich explizit auf den Stadtteil als Arbeitsfeld beziehen. Wie kann aber unter diesen Umständen die Untersuchungseinheit so definiert werden, dass keine wichtigen sozialen Akteure aus der Forschung heraus fallen?

Forschung in verschiedenen Disziplinen, vor allem in den Sozialwissenschaften und in Geographie, hat gezeigt, dass Raum im Allgemeinen, inklusive Räume in der Stadt, ein sowohl theoretisch als auch empirisch komplexes Thema ist. Wie in vielen anderen Forschungsfeldern auch geht man auch bei Raum inzwischen zumeist von einer sozialkonstruktivistischen Perspektive aus, d.h. man ist sich weitgehend einig, dass Räume - auch Stadtteile - von sozialen Akteuren, also Individuen, Organisation, Institutionen etc., definiert und mit Bedeutung versehen werden und nicht einfach "von Natur aus" vorliegen und von Menschen besiedelt werden. Die Definitionen verschiedener Akteure können sich dabei durchaus in den genauen Grenzen des Raumes und der Bedeutung mit der er versehen wird unterscheiden. Aus dieser Perspektive erscheint der administrativ definierte "Stadtteil" nur als eine einzelne Definition des Raums "Hainholz", die mit den Definitionen anderer Akteure, bspw. Bewohner oder soziale Einrichtungen, koexistiert.

Welche dieser möglicherweise zahlreichen Definitionen ist dann aber die "richtige", die den besten Zugang zu Kooperation in einem bestimmten Raum ermöglicht? Aus wissenschaftlicher Perspektive kann nicht entschieden werden ob bestimmte Definitionen mehr oder weniger angemessen sind, da es keinen allgemein gültigen, objektiven Bewertungsmaßstab gibt. Einem Vorschlag von Olaf Schnur entsprechend (s. Olaf Schnur 2014 (Hrsg.): Quartiersforschung, S.43-45) können aber solche wissenschaftlich schwer fassbaren Räume in der Stadt gehandhabt werden, indem man Sie unter Verwendung des Begriffs "Quartier" als "fuzzy concept" ("unscharfes Konzept) betrachtet. Darunter ist zu verstehen, dass verschiedene, durch Bewohner, Sozialarbeiter, Verwaltungseinrichtungen usw. getätigte Definitionen  eines Raums in der Stadt verglichen werden um nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu suchen. Im Idealfall ergeben aus der Überlagerung verschiedener Definitionen dann Bereiche, die übergreifend als Teil des Quartiers betrachtet werden und damit den Kern dieses Raumes ausmachen. "Unscharf" bleibt das Quartier aber, weil sich die Definitionen außerhalb dieses Kerns in den Orten unterscheiden können, die dem Quartier noch zugerechnet werden; das Quartier franst also zu den Rändern in aus und kann nicht vollständig auf bestimmte Räume eingegrenzt werden.

Damit ist die Ausgangsfrage geklärt: "Quartier" wird als Begriff gewählt, um der empirischen Komplexität sozial konstruierter Räume in der Stadt gerecht zu werden, d.h. um möglichst alle Akteure im Blick zu haben, die sich in den unscharf abgegrenzten Untersuchungsräumen bewegen. Für die eigentliche Forschungsarbeit ensteht dadurch allerdings eine neue Herausforderung: Ein Erster Schritt in Studien zu bestimmten Quartieren wie bspw. Hainholz muss dann sein, Zugang zu den verschiedenen Definitionen des Raums durch Bewohner, Ehrenamtliche, soziale Einrichtungen, Verwaltung uvm. zu finden, um feststellen zu können was überhaupt Kern des Untersuchungsgebiet ist und welche Grenzen es ungefähr aufweist.