Ergebnisse der dritten Fallstudie - Kooperation in Stadtfeld

20. February 2017 / Moritz von Gliszczynski

Von Mitte 2016 bis Anfang 2017 fand die dritte und letzte Fallstudie für das Projekt "Gelingende Kooperationen im Sozialraum" in Stadtfeld in Hildesheim statt. Als Abschluss der qualitativen Untersuchung kam dieser Fallstudie eine besondere Bedeutung zu: Die in den ersten beiden Fallstudien erlangten Ergebnisse wurden hier noch einmal auf ihre Belastbarkeit hin überprüft und verfeinert. Daraus sind auf andere Quartiere übertragbare Befunde zu den Formen von Kooperation und den Bedingungen für deren Gelingen entstanden, die hier kurz vorgestellt werden sollen - einen ausführlichen Bericht gibt es natürlich zum Download.

Doch zuerst zu Stadtfeld selbst: Bei diesem Quartier handelt es sich um ein räumlich durch verschiedene Verkehrswege umrandetes und stark abgeschlossenes Gebiet am Stadtrand von Hildesheim. Baulich und sozialräumlich ist das Quartier zweigeteilt. Während im westlichen Teil Einfamilienhäuser mit einer sozial unauffälligen Bewohnerschaft dominieren, ist der östliche Teil durch die starke Konzentration einer sozial benachteiligten Bewohnerschaft in mehrgeschossigen Häuserzeilen gekennzeichnet. In diesem östlichen Teil von Stadtfeld ist seit 2010 der Verein für Gemeinwesenentwicklung (GWE) tätig, durch den ein Stadtteilbüro vor Ort finanziell und organisatorisch getragen wird. Die Besonderheit dabei ist, dass der GWE nicht von Einzelpersonen sondern von ursprünglich fünf (inzwischen nur noch vier) Organisationen gegründet wurde, die schon zuvor im Quartier engagiert waren. Dabei handelt es sich um die Caritas Hildesheim, die Diakonie Himmelsthür, den Beamtenwohnverein (BWV; eine Wohnungsbaugenossenschaft, die Besitzerin der Wohnbestände in Stadtfeld Ost ist) und Arbeit und Dritte Welt e.V. (ein im Quartier räumlich gelegener Träger für Arbeitslosen- und Entwicklungshilfe). Diese auf den ersten Blick heterogene Zusammensetzung von Akteuren ist schon seit Jahren gut vernetzt, da einzelne Mitarbeiter ihre Positionen schon sehr lange innehaben und über andere Projekte und Gesprächskreise in Hildesheim miteinander vertraut sind. Aus dieser Vernetzung entstand der Impuls zur Gründung des GWE, da es eine geteilte Wahrnehmung drängender sozialer Probleme in Stadtfeld gab. Die entsprechenden Aktivitäten des Stadtteilbüros und die Wirkung der Verbindungen zwischen den Mitgliedern des GWE sind natürlich am lokalen Netzwerk in Stadtfeld ablesbar, wie die folgende Karte zeigt.

 

 

Kurz zusammengefasst ist sichtbar, dass das Stadtteilbüro sich in seiner Tätigkeit vielseitig mit Akteuren vernetzt hat die in und um Stadtfeld aktiv sind, was zu einer zentralen Stellung im Netzwerk geführt hat. Ebenso zentral ist aber die Gemeinwesenarbeit der Caritas (v.a. in Person ihres Leiters), die durch verschiedene Projekte in Stadtfeld und im benachbarten Fahrenheitsgebiet schon vor 2010 präsent war und daher über weitreichende Kontakte verfügt. In einzelnen Fällen kommt es dadurch auch zur Übertragung von Projekten an denen die Caritas in anderen Quartieren beteiligt ist nach Stadtfeld. Diese Vermittlerrolle wird noch dadurch verstärkt, dass die Caritas im Rahmen des GWE die fachliche Betreuung des Sozialarbeiters im Stadtteilbüro übernimmt. Ansonsten ist Stadtfeld vor allem zwischen die schon genannte enge Vernetzung zwischen den Mitgliedsorganisationen des GWE gekennzeichnet. Die anderen Akteure die vor Ort präsent sind, haben zumeist über Stadtfeld hinaus gehende Arbeitsbereiche und Verantwortlichkeiten. Dem entsprechend besitzen sie Netzwerke über Stadtfeld hinaus, sind aber im lokalen Netzwerk in Stadtfeld, das auf der Karte dargestellt ist nicht so zentral wie GWE und Caritas.

 

Welche Auswirkungen haben diese Strukturen nun auf Kooperationsbeziehungen in Stadtfeld? Zuvorderst ist zu beachten, dass der GWE selbst als Kooperation zwischen seinen Mitgliedsorganisationen betrachtet werden kann, beruhend auf dem schon beschriebenen engen und personengebundenen Netzwerk untereinander. Produkt dieser Kooperation ist das Stadtteilbüro, das selbst als Akteur auftritt und relativ unabhängig Kooperationen eingeht, die allerdings nicht so anspruchsvoll ausfallen wie der GWE, der über Vereinsstrukturen mit Satzung, Kooperationsvertrag, regelmäßigen Koordinationstreffen und eigener Finanzierung verfügt. Ähnlich wie in den anderen Fallstudien gibt es in Stadtfeld eine große Bandbreite an Kooperation in verschiedenster Form. Diese Formen können vereinfacht mit der folgenden Tabelle dargestellt werden, die beispielhaft für Stadtfeld ausgefüllt wurde.

 

  Formalität
Intensität Gering Hoch
Gering Spontanes Ausleihen eines Waffeleisens vom Aktivspielplatz an das Stadtteilbüro Gesetzlich angeordnete Kooperationsrunde zwischen Kitas und Grundschule
Hoch Zusammen auf informeller Ebene organisiertes Stadtteilfest

Durch verbindliche schriftliche Vereinbarungen gerahmte Finanzierung und Organisation des GWE

 

 

 

 

 

 

 

Die Tabelle beruht darauf, dass Kooperation zwei Eigenschaften zugeschrieben werden: Erstens Intensität (d.h. wie viel Arbeitsaufwand und Zeit die Kooperation benötigt), zweitens Formalität (d.h. wie sehr die Kooperation durch verbindliche Vereinbarungen und formelle Strukturen gerahmt wird). Nimmt man beide Eigenschaften zusammen, lässt sich ein Spektrum von Kooperationen beschreiben, dass vom spontanen Ausleihen eines Waffeleisens (geringe Intensität und Formalität) bis zur Aufrechterhaltung des GWE reicht (hohe Intensität und Formalität). Entsprechend der Strukturen im Netzwerk sind Stadtteilbüro und Caritas besonders oft treibende Akteure bei Kooperation in Stadtfeld, es gibt aber durchaus auch andere Kooperationen, z.B. im Bezug auf Veranstaltungen des Aktivspielplatzes. Im Allgemeinen werden die Kooperationen in Stadtfeld von den beteiligten Akteuren als Gelungen bewertet.

 

Welche Bedingungen tragen dann zu diesem Gelingen bei? Anhand der Untersuchung in Stadtfeld hat sich der Befung aus den ersten beiden Fallstudien bestätigt, dass die folgenden Bedingungen zum Gelingen von Kooperation beitragen:

  • Die Verfügbarkeit von Arbeitszeit und Ressourcen zum Durchführen der Kooperation
  • Kenntnisse des lokalen Netzwerkes, um die richtigen Partner zu finden
  • Stabile und positive persönliche Beziehungen zwischen den einzelnen Beteiligten, zur Erleichterung der Kommunikation
  • Regelmäßige Kommunikation zwischen Kooperationspartnern, z.B. um immer rechtzeitig auf auftretende Probleme zu reagieren
  • Die Einrichtung fester Kommunikationsstrukturen, z.B. Arbeitskreise oder Gremien, um einen allgemeinen Austausch über die Kooperation hinaus zu gewährleisten
  • Klare und von den Partnern geteilte Ziele, um eindeutig zu machen was erreicht werden soll und wer davon wie profitiert
  • Klare Arbeitsteilung zwischen den Partnern, damit es nicht zu Konflikten wegen unklarer Erwartungen zwischen den Partnern kommt

Die einzelnen Bedingungen haben unterschiedliche Bedeutungen für die verschiedenen Formen der Kooperation. Hier sei nur beispielhaft erwähnt, dass Kooperation geringer Intensität und Formalität, v.a. gegenseitiges Ausleihen von Material, besonders bei stabilen persönlichen Beziehungen oft auftritt und gelingt, und dass hochgradig intensive und formelle Kooperation, besonders in Form großer Projekte, eher gelingt, wenn gemeinsame Ziele und interne Arbeitsteilung schon zu Beginn eindeutig geklärt wurden. Diese Zusammenhänge lassen sich an allen drei Fallstudien gut belegen und werden im kommenden Abschlussbericht noch detaillierter analysiert. In Frage steht allerdings noch, ob sie sich auch in Quartieren belegen lassen, die nicht als Fallstudie untersucht wurden. Um dies zu untersuchen läuft derzeit eine standardisierte Umfrage in zehn weiteren Quartieren in verschiedenen Städten in Niedersachsen. Mehr zu den Ergebnissen dieser Umfrage in Kürze an dieser Stelle.